Auch TV-Dokumentationen und Fernsehfilme sind Filme. Es wird Zeit, dass die Fernsehkritik das begreift.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen zu behaupten, der Fernsehjournalismus sei kaputt – also das Reflektieren, Beschreiben, Kritisieren, Analysieren von Fernsehen, das man wohl genau so nennen muss wie den Journalismus, den das Fernsehen selbst betreibt. Oft genug geht diese Tätigkeit aber im Begriff des „Medienjournalismus“ auf. Und da wären wir schon beim Problem.

Der Fernsehjournalismus ist hierzulande mehr oder weniger untrennbar verschmolzen mit der Fernsehkritik: Wer Inhalte beschreibt, der schreibt auch über Rundfunkgebührendebatten, Votingbetrug, Einschaltquoten oder die Sprachfähigkeit der Fußballkommentatoren. Fernsehkritik ist immer auch die Kritik des Apparates, nicht mehr so grundsätzlich wie (von diesem Salon-Artikel eindringlich beklagt) in den 60er- oder 70er-Jahren, sondern eher orientiert an einem recht bürgerlichen Moral- oder Skandalempfinden. So kann einer, der mit behauptet hatte, der Online-Journalismus sei kaputt, in seinem Blog auf Stern.de ein lobenswertes Format offensichtlich nicht loben, ohne es zwingend im Restangebot des ausstrahlenden Senders zu verorten.

Im Fernsehen führt der Inhalt oft genug kein Eigenleben, schon der Begriff des Formates an sich definiert ja dessen zugewiesenen Platz in einem wie auch immer konstruierten Programmschema. Die Apparatfixierung der deutschen Fernsehkritik hat dabei einerseits durchaus ihre Rechtfertigung, denn sicherlich bedient das Fernsehen alleine aufgrund seiner Quotengeilheit einen vermuteten gesellschaftlichen Konsens, der sich entsprechend im Inhalt spiegeln muss. Verloren freilich geht so der Sinn für die ästhetischen Eigenheiten auch und gerade von dokumentarischen Formaten, deren Inszenierungsformen und Inszeniertheit, der doch tiefer geht als das Entlarven der „reality“ als „scripted“, und die andere Art von Apparatförmigkeit des Fernsehens, also die Frage: Wie rezipiere ich als Zuschauer, wie gestalten Regisseure für ein Medium, das die Aufmerksamkeit geringer bindet als das Kino, das seine Bilder auf eine räumliche engere Wiedergabe hin entwerfen muss? Man darf sich fragen, ob die Hoffs und Schaders und Sommers des deutschen Medienjournalismus‘ die richtigen sind, dies zu beurteilen.

Wenn Fernsehkritik dann einmal Kritik des Inhalts ist, dann verweist sie darüber hinaus nur noch auf die ökonomischen, kaum einmal auf die technischen Bedingungen von dessen Möglichkeit – mehr noch, sie ist blind dafür, dass die Form den Inhalt, welch Binsenweisheit, wesentlich prägt. Zum „Style Guide“ eines meiner Kunden, für den ich über Fernsehen schreibe, gehört der Hinweis, die „Machart“ solle möglichst nicht thematisiert werden. Kein Wunder, dass Fernsehen dort dem „Panorama“-Ressort zugeordnet ist. Erst recht kein Wunder, dass die Beschäftigung mit fiktionalen Serienformaten vielerorts umso zuverlässiger ins Feuilleton abwandert.

Freilich gibt es hier wie überall Ausnahmen. Torsten Körner oder Christian Buss etwa heißen zwei von den Grenzgängern, die mit wachem Auge über den Apparat, dessen Inhalte, deren spezifische Ästhetik und den Zusammenhang von all dem schreiben. Solche Stimmen aber werden wichtiger, weil neue Distributionsmodelle für Spielfilme zur Folge haben, dass der Erstkontakt mit diesen Arbeiten noch häufiger im Fernsehen stattfinden wird als bisher. Was zuerst im Fernsehen läuft – und/oder auf dem Apparat Fernseher – das bespricht der Fernsehkritiker: Dieses Prinzip kann nur dann nicht als überholt gelten, wenn sich die Fernsehkritiker einlassen auf das Dispositiv des Films, auf seine gestalterischen Bausteine und nicht nur auf deren scheinbares Produkt, dessen Inhalt und seine Relevanz als Teil eines Portfolios.

Interessante – und sehr unterschiedliche Gedanken – von Filmkritikern über die Arbeit mit Screener-DVD und VOD.

Flattr this!