12 Artikel Veröffentlichte Artikel in Kino

Das Herz, so blutig zuckend

Der Film „The Killing of a Sacred Deer“ von Yorgos Lanthimos ist zum Verzweifeln. Doch gerade die Verzweiflung ist verboten im Kosmos des griechischen Regisseurs.

Es gibt da einen Mythos rund um die Filme von Yorgos Lanthimos, die satirisch seien und verstörend, bizarr und allegorisch – und nur der letztere dieser Begriffe, benutzt etwa von A.O. Scott in der „New York Times“, eignet sich schlecht als platter Marketing-Slogan. Das Gleiche gilt wohl für die Grausamkeit, eine Methode, eine Perspektive, eine Haltung, die sich stärker in die Szenen drängt als der schwarze, absurde Humor, den Lanthimos und sein regelmäßiger Co-Autor Efthymis Filippou daneben stellen und der das Grausame wohl irgendwie dialektisch binden soll. Der Blick von Lanthimos fällt immer wieder in eins mit dem jener Frau in seinem Film „The Lobster“, die gemütlich weiter ihren Tee trinkt, während eine andere, die gerade vom Balkon gesprungen ist, in einer Blutlache vor sich hin wimmert.

Natürlich ist diese Diagnose alles andere als fair, aber Fairness war noch nie eine Kategorie, weder im Mythos noch in Lanthimos‘ Arbeiten. Schon gar nicht in seiner neuen. Keine Ahnung, ob das, was geschehe, fair sei, sagt Martin da. Aber es komme der Gerechtigkeit so nahe wie nur vorstellbar. Martin ist ein Junge ohne Vater, der Herzchirurg Steven konnte diesen nicht retten und hat sich des Jungen seitdem als eine Art Mentor angenommen. Doch Martin, so stellt sich heraus, sieht die Sache ein wenig anders. Steven ist für ihn der Mörder seines Vaters. Und so wie Agamemnon, der für die Tötung eines Hirsches im Hain der Artemis seine Tochter Iphigenie als Sühneopfer darbringen soll, muss auch Steven ein Mitglied seiner Familie ermorden. Sonst, droht Martin, werde sie alle die seltsame Lähmung befallen, die Stevens Sohn Bob schon ins Krankenhaus gebracht hat. Sie werden aufhören zu essen. Sie werden beginnen, aus den Augen zu bluten. Und dann werden sie sterben.

Von Hitze und lähmender Resignation

Das alles klingt, wie so oft bei Lanthimos, überaus lächerlich, ohne lustig zu sein. Es scheint unmöglich, aber nicht komisch. Er baut hermetische Welten, deren Grausamkeit sich nur denen voll erschließt, die außerhalb dieser Wirklichkeit stehen. Wie rührungslos die darin Gefangenen aber das Furchtbare hinnehmen, beschreibt das eigentliche Mysterium im kalten Herzen seiner Filme. Das Grausame versteckt sich in der behaupteten Banalität des Grauens.

Und oberflächlich betrachtet, ist Stevens ganze Familie ohnehin schon tot. Er selbst kriegt nur dann einen hoch, wenn seine Frau mit ihm „Vollnarkose“ spielt, sich also völlig regungslos auf dem Bett ausbreitet. Die Gespräche beim Abendessen sind in ihrer Inhaltsleere kaum zu fassen. Ohnehin deklamiert die hochkarätige Darstellerriege, von Colin Farrell über Nicole Kidman bis hin zum jungen Barry Keoghan, ihre Sätze mit einer müden Selbstverständlichkeit. Aber dennoch zeigen sich diesmal Risse in den Außenwänden des filmischen Kosmos: Die Mythologie begründet hier keine Weltordnung, sondern skizziert einen Ausnahmefall. Während Kidman als Anna Murphy sich bis zum Ende ihre Regungslosigkeit bewahrt, gönnt Farrell sich Ausbrüche und wütende Gesten des Widerstandes gegen die seltsame Schicksalsmacht Martin.

Gleichwohl gibt Lanthimos die Distanz zu seinen Figuren niemals auf. Immer wieder beobachtet die Kamera sie von hoch oben aus der Zimmerecke, selten wagt sie sich nahe heran an die Gesichter der Geplagten. Das Sakrale mit Schubert und Bach, bildet die musikalische Rahmung ihres Leidensweges. Der scheinbar höhere Plan aber, der die Menschen zu ausführenden Organen einer Versuchsanordnung macht, erweist sich als unerbittlich und subjektiv zugleich. Die Vorstellung einer Welt, aus der auszubrechen möglich wäre, muss daher doppelt irren: Hier ist gar keine Welt entstanden, und die Flucht ist dennoch keine Option. Das wäre nun wirklich zum Verzweifeln, aber die Verzweiflung verbietet Lanthimos kategorisch. Das Eruptive, Heiße dieser Verzweiflung passt nicht in seinen Stil, der die Stasis der Resignation bevorzugt. Zu Beginn birgt Steven während einer Operation einen blutigen, pumpenden Muskel aus dem abgedeckten Patientenkörper. So sieht das Herz in den Filmen von Yorgos Lanthimos aus.

Treibgut: Macbeth

Poster: StudiocanalPoster: Studiocanal

 

Zu wenig ausgearbeitet, um ein Essay zu sein und viel zu sehr interessiert an Kleinigkeiten, um als Kritik durchzugehen: Treibgut ist das, was an einem so hängen bleibt, wenn man im Bilderstrom badet.

Manche mögen einiges von dem, was im Folgenden erwähnt wird, für Spoiler halten. Manche auch – und das soll keine Geistesverwandschaft implizieren – konnten mit Justin Kurzels „Macbeth“-Version, die in Cannes Premiere feierte und diese Woche in den Kinos angelaufen ist, verdammt wenig anfangen. Und es stimmt schon: Kurzel und seine Drehbuchautoren (mit Michael Lesslie und den Darstellern Michael Fassbender und Marion Cotillard adaptiert Kurzel gerade einen Stoff, der zeitgenössisch und postmodern-retro zugleich ist: „Assassin’s Creed“ nach der Videospielreihe) haben keinen Versuch gemacht, Tagespolitik oder Alltagsästhetik einfließen zu lassen in ihre Interpretation.

Sie haben nach Höherem gestrebt, haben die Geschichte von Shakespeare entkernt und alles genommen, was das Kino tun kann und die Bühne eben nicht, um ihren scheinbar so konservativen und rückwärtsgewandten, ja archaischen „Macbeth“ zu einer höllischen, apokalyptischen Grundsatzerzählung zu machen, die in die Zukunft reicht und diese gleichzeitig im Feuer beerdigt.

Weiter →

Der schmale Draht zwischen Leben und Tod

Foto: Sony PicturesFoto: Sony Pictures

 

Braucht man noch einen Film über Philippe Petits Seiltanz am World Trade Center? Ja – weil Robert Zemeckis in „The Walk“ gewaltige Panoramen ohne Pathos und ein charmantes Schelmenstück gelingen.

In der Tat, diese Geschichte ist schon erzählt worden. Seinen waghalsigen Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers hat der französische Akrobat Philippe Petit in einem eigenen Buch rekonstruiert – viel deutlicher zurück ins öffentliche Bewusstsein brachte ihn aber James Marshs Dokumentarfilm „Man on Wire“, der 2009 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann. Einen detailversessenen Thriller ohne Bösewichte hatte Marsh montiert, die hochspannende Geschichte eines selbstverständlich vollkommen illegalen Coups aus dem Sommer 1974, einen Film, randvoll mit Archivmaterial. Und mit Standbildern der angeblich 44 Minuten, die Petit auf dem Seil verbrachte und während denen er acht Mal hin- und hergelaufen sein soll zwischen den Zwillingstürmen, während an beiden Seilenden die verblüffte Polizei auf ihn wartete.

Weiter →

Liebe macht blind

Wie intellektuelle Filmpublizisten das Intellektuelle in der Filmpublizistik abschaffen wollen

Sprechen wir über Liebe – genauer gesagt über Cinephile, laut Duden „Person[en], deren Interessen und Aktivitäten sich ganz auf die Filmkunst richten“. So ausschließlich hätte ich selbst es nicht definiert, und sicherlich noch nicht einmal die anderen Cinephilen, von denen hier die Rede sein soll.

Die deutsche Filmpublizistik – oder zumindest eine bestimmte Nische derselben im Netz – hat längst eine cinephile Wendung vollzogen, die wahrscheinlich schon wieder ein alter Hut ist, die ich als Neu-Blogger aber an unterschiedlichen Stellen immer wieder neu entdecke, vor allem in Marco Siedelmanns schöner Reihe „reden über schreiben über film(e)“ auf dem Blog Hard Sensations.

Weiter →

Treibgut: The King of Pigs

Foto: Drop-Out CinemaFoto: Drop-Out Cinema

 

Zu wenig ausgearbeitet, um ein Essay zu sein und viel zu sehr interessiert an Kleinigkeiten, um als Kritik durchzugehen: Treibgut ist das, was an einem so hängen bleibt, wenn man im Bilderstrom badet.

Der Ablauf scheint leicht vorherzusagen: Bald wird es eine Welle euphorischer Kritiken geben für „The King of Pigs“ von Sang-ho Yeon, die Filterblase wird bis ins Platze zerdehnt werden, verbunden mit Aufforderungen, diesem ungewöhnlichen Werk, das nur in „ausgewählte Partnerkinos“ kommt, eine Chance zu geben. Vermutlich werden die PR-Floskeln „schonungslos“ und „düster“ fallen. Und es mag sein, dass ich an diesem Hype jetzt schon nicht ganz unschuldig bin. Weiter →