Credit: George PimentelCredit: George Pimentel

 

Eine virtuelle Ausstellung will den Filmemacher David Cronenberg erklären – das sinnliche Element seiner Arbeiten verfehlt sie dabei jedoch.

In vierzehn „pretty cool“ Einzelbildern explodiert ein Kopf. Die Szene ist aus „Scanners“, 1981 inszeniert von David Cronenberg. Es sind diese Effekte, über die viele den kanadischen Regisseur heute noch definieren: Körper und Geist unterliegen in seiner frühen Werkphase einem wechselseitigen Einfluss, den ein sinnliches Medium am besten – und bei Cronenberg eben auch am drastischsten – über den Körper ausdrücken kann.

 

Still aus „Scanners“, 1981                                       Credit: Laurem Productions Inc.

 

Mind and matter, gehört in diese Symbiose nicht auch längst der Code? Eine „Virtual Exhibition“ wie die, die das TIFF (Toronto International Film Festival) nun aus einer physischen Ausstellung in Toronto gemacht hat, muss ganz nach dem Geschmack des Filmemachers sein – der auch wesentlich an dem Projekt beteiligt ist. Aber sind wir tatsächlich schon so weit, seine Phantasien angemessen umzusetzen? Wo bleibt am Monitor das Greifbare, Mutierende, das Cronenbergs Arbeiten längst nicht erschöpfend beschreibt, ohne das sie aber auch absolut unvollständig dargestellt wären?

Ganz ist die virtuelle Schau nicht in der Lage, das Flächige zu durchbrechen und in die dritte Dimension zu befördern, auch wenn es unter dem Menüpunkt „Cronenbergian Artifacts“ dreh- und zoombare Ansichten gibt von einigen der schauerlicheren Requisiten aus seinen Filmen. Das linke Ohr des Protagonisten, der sich in „Die Fliege“ (1986) verwandelt ist genauso dabei wie die Schnittstelle zwischen Körper und Videospiel in „eXistenZ“ (1999), ein satt rosafarben fleischiges, kurviges, knotiges Etwas.

 

Credit: David Cronenberg Collection, TIFF Film Reference LibraryCredit: David Cronenberg Collection, TIFF Film Reference Library

 

Hier wie in den meisten anderen Segmenten ist der Ansatz dennoch ein analytisch-didaktischer: Kluge Texte interpretieren, in Podcasts kommt Cronenberg selbst zu Wort, umfangreiches Videomaterial präsentiert Interviews und „Behind the Scenes“-Material wie intellektuell ambitionierte DVD-Boni – hier ist etwa das „Making Of“ des eingangs beschriebenen Splattereffekts zu finden. Für Denkansätze und Datenrecherche zu Filmographie und ähnlichem ist die „Virtual Exhibition“ eine hervorragende, vermutlich die beste Anlaufstelle im Netz. Was wiederum nicht heißt, dass allen Analysen rundheraus zuzustimmen wäre. Die Einteilung des Cronenbergschen Filmschaffens entlang der Fragekomplexe „Who is my creator?“, „Who am I?“ und „Who are my friends?“ ist selbst in ihrer bewussten Offenheit doch reichlich unterkomplex.

Der Geist im Digitalen

Dennoch sei ein Fazit gewagt, dass mindestens so unterkomplex scheint und hoffentlich trotzdem nicht falsch ist: Der Geist und das Denken, diese wesentlichen Elemente von Cronenbergs Erzählungen lassen sich hervorragend ins Digitale transportieren – für die darin verschlungene andere, fleischliche Seite des dialektischen Cronenbergschen Kosmos ist die physische Darstellung in durchschreitbaren Ausstellungsräumen vermutlich die bessere Form. Letztere kommt im Sommer nach Europa, zunächst ins EYE, das neue Filmmuseum von Amsterdam, andere Stätten sind im Gespräch.

Und gehört zum Amorphen, Wachsenden, Übergreifenden dann nicht auch die Interaktivität, die Immersion des ehemals passiven Zuschauers? Das „Cronenberg Project“ des TIFF widmet sich auch diesem Aspekt. In „Body/Mind/Change“ kann man sich einer biotechnologischen Gesellschaft als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen. Aus den Antworten und Informationen, mit denen man die Maschine füttert, wird ein Implantat erstellt – eine „recommendation machine“, „able to predict your deepest unfulfilled desires – even the ones you didn’t know you had“. User in Kanada konnten sich vor Ort tatsächlich ein solches individuelles „POD“ aus dem 3D-Drucker abholen. Nach Europa soll die schöne neue Welt ebenfalls noch in diesem Jahr kommen…

 

 

David Cronenberg: Virtual Exhibition

Body/Mind/Change