Harms_IMG_1077 _XSCopyright: Kinostar

 

„Harms“ oszilliert zwischen Gangsterthriller und Milieustudie, zitiert den Mythos des Genres und scheitert dabei auf faszinierende Weise

Nicht nur ist der Gangster längst eine mythische Figur im Kino, nicht nur trägt Heiner Lauterbach das Image seiner alkoholisierten Vergangenheit und seines Machismo in jede Rolle – auch die Vorbilder von Lauterbach und Regisseur Nikolai Müllerschön, die den Film gemeinsam produziert haben, erzählen von mythensatten Milieus und Ländern: Die Namen Melville und Scorsese etwa haben beide im Interview fallen lassen.

Man wollte sich jedenfalls nicht reinschwätzen lassen, deshalb haben Lauterbach (auch Hauptdarsteller) und Müllerschön (auch Drehbuchautor) die Finanzierung des Films selbst gestemmt und auf Fördergelder verzichtet. Das Resultat zeigt sich am deutlichsten in manch drastischem Bildeffekt, einer blutigen Messerstecherei zu Beginn im Knast oder einer fiesen kleinen Folterszene im späteren Verlauf. Die totale Freiheit der Eigenfinanzierung endet – was wohl zwangsläufig ist – im Rückgriff auf manche Genrekonvention und manches dramaturgische Standardmodell.

Da wäre zum Beispiel die Imbissbude, die den neuen Lebensmittelpunkt von Harms darstellt nach 16 Jahren im Gefängnis. Oder die heilige Hure Jasmin (Valentina Sauca), die aus dem bis ins Gekünstelte schweigsamen Kerl so etwas wie einen weichen Kern herauskitzelt. Und natürlich gibt es den einen, den letzten Job, zu dem ein Ex-Bundesbanker (Friedrich von Thun) Harms überredet und der natürlich furchtbar, furchtbar schief gehen muss.

Worin liegt die Wahrheit der Straße?

Doch so sehr man auch ahnt zu wissen, wie alles nun kommen müsse, der Film entwickelt eine dann doch sehr eigene Faszination, die er seiner selbstbewussten Positionierung als deutscher Genrefilm verdankt. Wo also liegt der Unterschied zwischen etwa „Mean Streets“ (1973) und „Harms“, was hat die knorrige Hauptfigur gemein mit „Corey“ aus Melvilles „Vier im roten Kreis“ (1970) und vor allem: Was ist diese Wahrheit der Straße, woraus besteht die Subkultur, die unter der eigenen, bekannten, bürgerlichen verläuft und von der man höchstens ahnt, dass es sie gibt, ja, im ach so schießwütigen Amerika sowieso, aber hier, bei „uns“?

Es gibt eine Seite von „Harms“, die ganz im Kino und – auch dies ein Spezifikum der deutschen Filmlandschaft – im Fernsehen verwurzelt ist, eine ganz und gar künstliche, in der München, die Stadt, wo sich wohl alles abspielen soll, die aber selbst keine Rolle spielt, nur am „corporate design“ der Nahverkehrshaltestellen erkennbar ist. Dominik Graf und Klaus Lemke haben diese Erzählung inspiriert, Regisseure, die sich eher wenig Gedanken darüber machen, wie die Wirklichkeit wirklichkeitsnah abzubilden wäre, sondern die aus ihren Geschichten die Wirklichkeit des Landes entstehen ließen.

Der Mief einer Behördenrepublik

Und es gibt, seltsam getrennt davon, einen anderen Film, der Milieustudie sein will und manchmal mit furchtbaren Klischees hantiert, die eigentlich zu dem einen Film gehören – wie etwa der Imbissbude. Wunderbare Miniaturen finden sich in dem anderen Film auch, eine Rentnergruppe, zu der der Imbissbudenbesitzer gehört und die sich in einer trostlosen Küche zum Brettspielen trifft, Mief einer Behördenrepublik, das punktgenau gesetzte Gegenstück zum gelobten Land des Gangsterfilms, seiner Weite und seiner so unterschiedlich zu gebrauchenden Freiheit.

Mythisch ist an „Harms“ wenig, nichts an seiner Geschichte und an dem Typen selbst höchstens seine Stilisierung, seine Toughness, seine Wortkargheit. Keine Quasselstrippe wie die Jungs von Scorsese und kein Aristokrat wie Melvilles Corey, sondern einer, der in seiner Rauhheit echt wirken soll und dabei doch nur auf seine Artifizialität verweist. Es ist diese produktive Dialektik, die seine Figur und den ganzen Film so spannend macht.

(Korrektur: Die beiden Produzenten haben den Film nicht vollständig aus eigener Tasche bezahlt wie oben suggeriert, sondern mit der Hilfe von Partnern und Investoren wie z.B. der Oberon Film GmbH.)