Dünner Plot, kein Interesse an den menschlichen Figuren – so what? Warum die Kritik an „Godzilla“ ins Leere läuft.

Kürzlich wagte ich es, in einem Text Spike Jonzes „Her“ nicht so gut wegkommen zu lassen, wie der Film es nach Ansicht des Redakteurs verdient hätte. Eine sehr ausführliche – und konstruktive – Diskussion entfaltete sich dann per Email unter anderem darüber, ob die Kritik, die ich gegen den Film vorbrachte, der Arbeit denn gerecht werde. Waren die Fragen, die ich an den Film hatte, faire, die sich aus dem Konzept des Films selbst bzw. aus der bekannten Handschrift des Regisseurs ergaben oder brachte ich eine Erwartung mit, die die Filmemacher selbst gar nicht erfüllen wollten?

Uff. Schon ist man mittendrin in einem gewaltigen Diskursfeld, aus dem zu jedem einzelnen Element sich schon ein eigener Blogeintrag, vermutlich gar eine Habilitation verfassen ließe. Ist es ungerecht, an „Triumph des Willens“ externe Maßstäbe anzulegen, an die der Film sich gar nicht halten will? Zu polemisch, okay. In jedem Falle gehört der Vorwurf, wie freundlich und verklausuliert auch immer vorgetragen, man werde als Kritiker einem Film nicht gerecht, zu den schmerzenderen der Berufslaufbahn. Dennoch traue ich mich mal, ihn selbst, hoffentlich maximal freundlich und vorsichtig und bescheiden, aber leider jetzt schon nicht mehr verklausulierbar, zu erheben.

 

 

Damit wären wir bei „Godzilla“. Die Diskussion, die der Film in Blogs und sozialen Medien ausgelöst hat, scheint mir eine Spur intensiver als bei vielen anderen Beispielen, vielleicht ist sie aber auch einfach nur fundierter oder es kommt mir so vor, weil ich glaube, dass sich dort womöglich ein paar grundsätzliche Probleme des Schreibens und Denkens über Film herauskristallisieren. Die konkreten Vorwürfe richteten sich vor allem gegen den dünnen Plot und die noch dünnere Charakterisierung der menschlichen Figuren. Exemplarisch für diese Haltung sind etwa die Texte von Tom Huddleston in Time Out oder die des, wenn man mit solchen Begriffen überhaupt hantieren will, „Großkritikers“ Richard Corliss im Time Magazine. [Im folgenden Absatz lauert ein Spoiler]

In der deutschen Kritik haute etwa der geschätzte Alex Matzkeit in dieselbe Kerbe. Um also die Eingangsfrage noch einmal aufzunehmen: Ist es zielführend, einem Film, der sich nicht für seine Charaktere interessiert, vorzuwerfen, dass er sich nicht für seine Charaktere interessiert? Dies hinge vermutlich davon ab, ob er dieses Interesse vorheuchelt, um es dann fallenzulassen – und tatsächlich: Irgendwie wird durch eine Erzählweise, die anfangs sehr an einer Familiengeschichte haftet, die sich um Verlust und Besessenheit dreht, eine Erwartung aufgebaut, die der Film hinterher eher enttäuscht. Ein wenig verständlich ist die Enttäuschung der Fans von Bryan Cranston schon, wenn sie ihr Idol recht früh in der Handlung entsorgt sehen.

Einer der hartnäckigsten Mythen des Filmdiskurses

Spätestens dann gehört der Film den Monstern. Eine sehr lesenswerte Erwiderung zu den erwähnten Vorwürfen hat in diesem Zusammenhang David Ehrlich geschrieben. Meine Vermutung allerdings ist es, dass die Ablehnung des erzählerischen Konzepts mit etwas ganz anderem zu tun hat: Monster reden nicht. Allzu vielen Kommentaren zum Film liegt eine Denkfigur zugrunde, die zu den hartnäckigsten Mythen des Filmdiskurses gehört – dass sich ein Film in Handlung und Bild aufteilen ließe. Sounddesign und Musik werden in dieser angeblichen Parallelität ohnehin meist ganz vergessen, die Dialoge großzügig der Handlung zugeschlagen. Menschen handeln demzufolge, Monster werden – das steckt ja nun schon etymologisch in ihnen drin – gezeigt.

Wer sich diesen Irrtum zu eigen macht, der muss den Plot von „Godzilla“ tatsächlich verdammt dünn finden. Dabei übersehen wird die enorme Zärtlichkeit, die in dem Film steckt, und die eben doch etwas zutiefst Menschliches, Anthropomorphes ist. Zwei riesenhafte, insektoide Gestalten, in einem kurzen Akt der Liebe vereint – eine Einstellung, die sich übrigens sehr deutlich an eine andere aus Gareth Edwards‘ Vorgängerarbeit „Monsters“ anlehnt. Kreaturen im seltsam entschleunigten Kampf, während neben ihnen die Wolkenkratzer erschöpft zusammenbrechen, ein Versehen, ein – wenn dieser Ausdruck nicht so zynisch besetzt wäre – Kollateralschaden, nicht mehr. Dazu immer wieder eine seltsame Stille, ein lautloses Atemholen, ein Leerräumen der Tonspur, das so gar nichts zu tun hat mit der tinnitösen Taubheit nach dem Einschlag, die schon längst zum Standardrepertoire des Blockbusters gehört.

Klar: Wer überzeugt ist, den Bedeutungsüberschuss im audiovisuellen Dispositiv des Kinos immer vollständig erfassen und sortieren zu können, der werfe den ersten Stein. Wer noch nie auf die erwähnte Scheintrennung zurückgegriffen hat, um sich die Urteilsfindung zu erleichtern, den zweiten. Aber „Godzilla“ hat eben doch eine ganze Menge zu erzählen. Man muss sich nur in die Bilder, die diese Erzählung sind, einschauen.

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