Der neue Soundtrack zu „Hamlet“ (1920) mit Asta Nielsen fegt das Melodramatische aus den Bildern

Wittenberg liegt in Neuseeland. Gut, das ist jetzt vielleicht ein wenig vereinfacht ausgedrückt, aber Michael Riesslers Soundtrack zur „Hamlet“-Stummfilmvariation, die Svend Gade und Heinz Schall 1920 inszenierten, lädt nun einmal zum Assoziieren ein.

Riessler, der als Professor am Jazz Institut der Hochschule für Musik und Theater München lehrt, hat den verschollenen – wenn denn je vorhandenen – Original-Score ersetzt und 2007 bei der Berlinale zur restaurierten, ergänzten und viragierten Neufassung des Deutschen Filminstitutes vorgestellt. Die wesentliche Umdeutung des Shakespeare-Stoffes von Gade und Schall lag darin, aus dem Dänenprinzen eine Dänenprinzessin zu machen, die ihre wahren Gefühle für Horatio verbergen muss und voller Eifersucht in die sich anbahnende Beziehung zwischen ihrem Studienfreund und Ophelia eingreift.

Dem Hang zum Melodramatischen verfällt Riessler, der seine Fassung am vergangenen Freitag in einer Uraufführung mit erweitertem Live-Orchester in München vorstellte, dabei jedoch niemals. Sicher, über weite Strecken ist seine Komposition illustrativ, sie verdoppelt, verstärkt, erhöht das Geschehen auf der Leinwand: Da wabern düstere Streicher über der Schlangengrube, deren Gekreuch König Hamlet, dem Vater der Prinzessin, das Leben kosten wird. Da setzen Schlagzeug und das ganze Ensemble zum großen Pomp an, wenn Klingen gekreuzt und Leben ausgehaucht werden. Und da durchzieht die Lutherstadt Wittenberg, in der Hamlet und Horatio die Studienbank drücken, eben auch ein leiser, hoch getragener Sopran, der ein wenig erinnert an den Sphärenkitsch von Enya und deren Stücken zum „Herrn der Ringe“.

Diese Verknüpfung könnte man auch darauf schieben, wie stark unsere Vorstellung von der mittelalterlichen Kultur und ihrem Liedgut längst überlagert und verstellt ist von ebendiesen populärkulturellen Verarbeitungen. Aber auch Riesslers Arbeit selbst erstarrt nicht im Respekt vor den Vorbildern. Neben der altschwedischen Nyckelharpa erklingen Keyboards und Percussion-Töne, bei denen ein Kochtopf und ein kleiner Blumentopp augenscheinlich eine Rolle spielen. Von irgendwo dringt ein Rasseln wie die Warnung einer Klapperschlange immer wieder in die Momente der Stille ein, die Riessler dem Ensemble gönnt, so als vergifteten Mord und Intrige noch die wenigen Augenblicke der Ruhe.

Aber Ruhe gibt es eh selten, meist ist sie synonym mit der Fassungslosigkeit, dem Atemholen, der bösen Ahnung vor und dem Entsetzen nach dem Sturm. Wenn Töne nicht mehr genug sind, um Schmerz oder Leid auszudrücken, etwa beim Tod Hamlets, dann hält sich die Musik bis beinahe zum Verschwinden zurück.

Im Mai gibt es an der Hochschule Neue Musik zu Szenen aus Murnaus „Faust“.