Wie intellektuelle Filmpublizisten das Intellektuelle in der Filmpublizistik abschaffen wollen

Sprechen wir über Liebe – genauer gesagt über Cinephile, laut Duden „Person[en], deren Interessen und Aktivitäten sich ganz auf die Filmkunst richten“. So ausschließlich hätte ich selbst es nicht definiert, und sicherlich noch nicht einmal die anderen Cinephilen, von denen hier die Rede sein soll.

Die deutsche Filmpublizistik – oder zumindest eine bestimmte Nische derselben im Netz – hat längst eine cinephile Wendung vollzogen, die wahrscheinlich schon wieder ein alter Hut ist, die ich als Neu-Blogger aber an unterschiedlichen Stellen immer wieder neu entdecke, vor allem in Marco Siedelmanns schöner Reihe „reden über schreiben über film(e)“ auf dem Blog Hard Sensations.

Aktuell erschien dort ein Gespräch mit Jochen Werner, der viele kluge Dinge zu sagen hatte über seinen Zugang, seine Affinität, ja klar: seine Liebe zum Kino. Wer, der zumindest ab und an über Film schreibt, kennt sie zum Beispiel nicht, die gelangweilten, übersättigten, desillusionierten Klugscheißer, die in der Pressevorführung in der Reihe hinter einem sitzen? Davor bewahrt vielleicht nur, cinephil zu sein oder sich einen anständigen Job zu suchen.

Das Kino als Heiligtum

Aber muss man tatsächlich das Kino zum Objekt seiner Liebe erklären, oder muss man es nicht viel eher einfach lieben, ins Kino zu gehen – was zwei unterschiedliche Dinge sind? Jochen sieht bei einem Kollegen einen „euphorischen Gestus der unbedingten Liebe“, der ihm am als Autor sehr nahe sei, immer wieder betont er die Sinnlichkeit und die Subjektivität, die ihn leite, beim Sehen, beim Hören, gerade auch beim Schreiben. Es ist, so betrachtet, eine Herangehensweise, die die deutsche Filmkritik auch im gedruckten Feuilleton schon lange wählt, spätestens seit Althen, Seidl, Göttler.

Die unbedingte Liebe freilich, die Jochen und andere antreibt, ist ein religiöses Konzept: Keine Schuld, kein Garnichts kann diese Liebe aufheben oder infrage stellen. Kein Wunder, dass er Begriffe wie „etwas aus einem Film herausholen“ verabscheut, legen diese doch nahe, das Heilige werde in seiner Ganzheit zerstört, ja vielleicht seziert, also auf die Ebene des Empirisch-Materiellen heruntergezogen. Igitt.

Es gibt Stimmen in der cinephilen Filmpublizistik (diesen Begriff benutze ich aushilfsweise und unterstelle damit niemandem, der anders schreibt, er habe nichts oder nicht genug übrig fürs Filmeschauen), die sich als Öffentlichkeitsarbeiter des Kinos verstehen. Im cinephoben Deutschland gelte es, für das Kino an sich die Werbetrommel zu rühren – so, als sei das Kino nicht untrennbar von seinem jeweiligen, konkreten Inhalt. Misslungenes wird verschwiegen, das, was gefällt, wird gefeiert.

Ekstase und Alltag

Der Gestus ist dabei nicht immer nur euphorisch, er ist geradezu ekstatisch, und oft kommen wunderbare, mitreißende Texte dabei heraus. Sie suchen immer wieder neue Wörter für das Rauschhafte, schwer Beschreibliche – eine Tätigkeit, die ohnehin zum Wesentlichen gehört, will man über Film schreiben und dabei die allgegenwärtigen und leider selbst längst verinnerlichten PR-Floskeln umtanzen.

Die Ekstase aber unterdrückt jede Reflexion, sie ist so totalitär wie die unbedingte Liebe, deren psychophysiologisches Äquivalent sie darstellt. Die Liebe, wie sie in dem vorkommt, was Jochen wohl nicht zu Unrecht als „wahres Leben“ vom Kino abtrennt, ist etwas, das wächst und verdorrt, das sich bewähren muss in einer empirischen Umwelt, das auch an dieser Umwelt scheitern kann. Die Liebe ist ein Prozess, keine Forderung.

All diese Überlegungen könnte man für inzestuöses Gebrabbel in der Filterblase halten, und tatsächlich kommen die meisten Menschen und selbst die, die sich fürs Kino interessieren, mit diesen Diskursen kaum je in Berührung. Und außerdem: Ist es nicht herzlich wurscht, wenn die einen so schreiben und die anderen so? Ich finde schon. Ich finde es immens wichtig, dass es die cinephilen Stimmen gibt, vielleicht sind sie sogar mir die liebsten im Stimmengewirr des Filmjournalismus.

Exorzismus im Namen der Liebe

Gleichzeitig durfte ich in einer Diskussion auf Facebook selbst erleben, wie sich unbedingte Liebe im Dialog mit Häretikern ausdrückt. Es ging um den zweiten Teil von „Nymphomaniac“, ich hatte gelesen, der Film habe rechtslastige Tendenzen und fragte, ob dies denn stimme. Böser Fehler, für den ich (vom Urheber des Vorwurfs ganz zu schweigen) unter Ideologieverdacht geriet. Allein die Frage ließ bei den Mitdiskutanten Interpunktion und Grammatik entgleiten, so ketzerisch schien der Gedanke, Lars von Trier könne problematische Inhalte schaffen.

Dabei geht es bei dieser und anderen Fragen nicht darum, ob der Film wunderschöne Momente hat oder ganz und gar garstig ist, es geht alleine um Analyse, Interpretation, Kontextualisierung, ja, ums Herausholen. Ich hätte nicht erwartet, dass es gerade die Intellektuellen sein würden, die sich daran machen, der Filmpublizistik den Geist auszutreiben.

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