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Braucht man noch einen Film über Philippe Petits Seiltanz am World Trade Center? Ja – weil Robert Zemeckis in „The Walk“ gewaltige Panoramen ohne Pathos und ein charmantes Schelmenstück gelingen.

In der Tat, diese Geschichte ist schon erzählt worden. Seinen waghalsigen Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers hat der französische Akrobat Philippe Petit in einem eigenen Buch rekonstruiert – viel deutlicher zurück ins öffentliche Bewusstsein brachte ihn aber James Marshs Dokumentarfilm „Man on Wire“, der 2009 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann. Einen detailversessenen Thriller ohne Bösewichte hatte Marsh montiert, die hochspannende Geschichte eines selbstverständlich vollkommen illegalen Coups aus dem Sommer 1974, einen Film, randvoll mit Archivmaterial. Und mit Standbildern der angeblich 44 Minuten, die Petit auf dem Seil verbrachte und während denen er acht Mal hin- und hergelaufen sein soll zwischen den Zwillingstürmen, während an beiden Seilenden die verblüffte Polizei auf ihn wartete.

Dieser Mangel war womöglich eine nagende Wunde in der Seite von Robert Zemeckis, der in seinem neuen Film etwas ganz Ähnliches tut wie 1994 in Forrest Gump“, in dem Tom Hanks John F. Kennedy die Hand zu schütteln schien: Die Fortschritte in der Spezialeffektetechnik nutzt er nicht etwa, um neue Welten zu schaffen oder in eine mythologisierte Vergangenheit zu entführen. Vielmehr stellt er auf höchstem technischen Niveau eine Ära wieder her, die noch ganz präsent scheint und dennoch – ein Aspekt, den Marsh vollständig ausblendete – in der Staubwolke des World Trade Centers unwiederbringlich verloren ging.

Eine Phantasie der Savoir-vivre

Und Zemeckis macht aus einem Stoff, der locker eine Heldengeschichte hergegeben hätte, ein charmantes Schelmenstück, eine Komödie, die auf der Wirklichkeit tänzelt und manchmal sogar ganz von ihr abhebt. Joseph-Gordon Levitt, von Petit selbst in einem Crashkurs in der Balancekunst ausgebildet, begrüßt das Publikum vom Rand der großen Fackel, die seine Landsfrau, die Freiheitsstatue, in den Himmel reckt. Vor Ikonen hat Zemeckis also genauso wenig Respekt wie Petit selbst, und Levitt spielt ihn weniger als den brennenden Besessenen, als der er auch bei Marsh noch manchmal erschien, sondern als Artisten in allen Lebenslagen. Er gleitet scheinbar widerstandslos durch die Szenen, ein ironisches Lächeln kann da jeden Moment aufblitzen in seinem Gesicht, der ganze Körper dient ihm weniger der Nachahmung eines echten Menschen als der Formung einer expressiven Kunstfigur.

Das Paris, in dem dieser junge Künstler zum Leben erwacht, ist denn auch eine schwarzweiße Phantasie von der Savoir-vivre, durch die Levitt auf seinem Einrad schwebt, mehr Nouvelle Vague als echte französische Historie. Im Wartezimmer beim Zahnarzt stieß Petit auf einen Bericht vom Bau des World Trade Centers, und von da an folgt Zemeckis recht genau der Schilderung der Ereignisse aus Petits Bericht „To Reach the Clouds“.

Die Verschmelzung von Mensch und Stadt

Aber natürlich ist der leichtfüßige Krimiplot, das Aberzählen von Bauspionage, dem Anheuern französischer Freunde und dauerbekiffter New Yorker Komplizen, die Einschleusung als Mitarbeiter des World Trade Centers, eine Nacht unter einer Plane, umkreist von Wachleuten, die genial schwachsinnige Idee, das Seil mithilfe von Pfeil und Bogen von einem Turm zum anderen zu befördern – natürlich ist all dies, bei aller inszenatorischen Souveränität, eher ein Vor- oder Zwischenspiel.

Die wahre Faszination von Zemeckis‘ Neubearbeitung liegt in der dreidimensionalen Verschmelzung vom Einzelnen und der Stadt, von Mensch und Architektur. Das gibt es die verspielte gotische Fassade von Notre Dame mit Paris darunter, die den Seiltänzer umschließt, ein abenteuerliches Sammelsurium aus Zinnen, Bögen, Grotesken und die etwas prosaischere Struktur der Zwillingstürme mit dem bunten Chaos der Metropole in weiter, bedrohlich weiter Entfernung. Dariusz Wolski bewegt seine Kamera in langen Einstellungen durch diese Umgebung, als wolle er diese – freilich überwiegend digitalen –Rekonstruktionen erkunden, ihre Weite und ihre Distanzen vermessen, in Perspektiven schwelgen, die dennoch selten etwas protzig Schwelgerisches vermitteln: keine Feier der Machbarkeit, kein Fest der Tricktechnik, sondern höchstens eines der Ära, in die diese Technik zurückzuführen vermag – und eines der menschlichen Balancefähigkeit.

Und dennoch ist der atemberaubendste Effekt einer der kürzesten und gleichzeitig ein Resultat des Scheiterns: Da wankt Petit, noch im Zirkus bei seinem Mentor Papa Rudy (Ben Kingsley) auf dem Seil über der Arena, er wackelt, er schwankt, und als der Blick nach einem Schnitt vom Sand in die Höhe schnellt, da ist nicht auszumachen, ob es Petit ist oder nur sein Stab, der uns da rasend schnell entgegenfällt. So ist der in 2D gedrehte, aber in 3D konzipierte „The Walk“ nicht nur der Film, dem bisher die beste Konvertierung gelang – sondern er enthält nach den unzähligen Messern, Speeren, Pistolenkugeln und Porzellantellern, die im Eifer des Kinogefechts schon von der Leinwand in den Zuschauerraum gepfeffert wurden, auch einen der womöglich effektivsten Schreckmomente in der Geschichte dieser immer noch jungen Technik.

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