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Zu wenig ausgearbeitet, um ein Essay zu sein und viel zu sehr interessiert an Kleinigkeiten, um als Kritik durchzugehen: Treibgut ist das, was an einem so hängen bleibt, wenn man im Bilderstrom badet.

Manche mögen einiges von dem, was im Folgenden erwähnt wird, für Spoiler halten. Manche auch – und das soll keine Geistesverwandschaft implizieren – konnten mit Justin Kurzels „Macbeth“-Version, die in Cannes Premiere feierte und diese Woche in den Kinos angelaufen ist, verdammt wenig anfangen. Und es stimmt schon: Kurzel und seine Drehbuchautoren (mit Michael Lesslie und den Darstellern Michael Fassbender und Marion Cotillard adaptiert Kurzel gerade einen Stoff, der zeitgenössisch und postmodern-retro zugleich ist: „Assassin’s Creed“ nach der Videospielreihe) haben keinen Versuch gemacht, Tagespolitik oder Alltagsästhetik einfließen zu lassen in ihre Interpretation.

Sie haben nach Höherem gestrebt, haben die Geschichte von Shakespeare entkernt und alles genommen, was das Kino tun kann und die Bühne eben nicht, um ihren scheinbar so konservativen und rückwärtsgewandten, ja archaischen „Macbeth“ zu einer höllischen, apokalyptischen Grundsatzerzählung zu machen, die in die Zukunft reicht und diese gleichzeitig im Feuer beerdigt.

Ja, das Feuer: Der Wald, der da zuwandert auf das Schloss des mörderischen Königs, fliegt in roten Fetzen heran, die das ganze Bild zu einem wabernden Dimensionstor machen, zu einem Weg ins Niemandsland des Schlachtens. An Michael Endes Nichts könnte man sich erinnert fühlen, wäre dieses nicht dunkel, ich glaube: grau, gewesen, so wie ein optimistischer Phantast sich den Verlust der Phantasie eben vorzustellen hatte. Bei Justin Kurzel lässt sich dieses Nichts betreten, es umfängt die Krieger und die Zuschauer und flackert gewaltvoll bis ans Ende von uns allen. Ulrich Kriest findet diesen „Macbeth“ im aktuellen „Filmdienst“ gleichzeitig unambitioniert und allzu verliebt in die eigenproduzierte Bilderwucht, außerdem ging ihm der Score von Jed Kurzel, dem Bruder des Regisseurs, auf die Nerven, aber von dem weiß ich nichts mehr: Vielleicht aber hat die Musik gerade diese Umschlingung vollbracht, die mir im Kino fast den Atem geraubt hat.

Und es endet anders als bei Shakespeare, weil der Text zwar heilig ist, Regisseure aber Bilder erfinden dürfen, ja müssen. Im Rot findet ein Junge eine Waffe bei einem Toten, dem Kleinen wurde prophezeit, er werde König, und genau daran erinnert sich drinnen zwischen den Steinmauern der neue König, der sich von seinem Thron erhebt, zum Tor des Saales schreitet, während der Junge in den Bluthorizont läuft. Das Morden wird niemals aufhören. Mit diesem Ende allerdings hätte sich eine Kritik auseinanderzusetzen, die das Politische wie das Zeitgenössische in einer Inszenierung suchen und finden will.

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