Foto: Drop-Out CinemaFoto: Drop-Out Cinema

 

Zu wenig ausgearbeitet, um ein Essay zu sein und viel zu sehr interessiert an Kleinigkeiten, um als Kritik durchzugehen: Treibgut ist das, was an einem so hängen bleibt, wenn man im Bilderstrom badet.

Der Ablauf scheint leicht vorherzusagen: Bald wird es eine Welle euphorischer Kritiken geben für „The King of Pigs“ von Sang-ho Yeon, die Filterblase wird bis ins Platze zerdehnt werden, verbunden mit Aufforderungen, diesem ungewöhnlichen Werk, das nur in „ausgewählte Partnerkinos“ kommt, eine Chance zu geben. Vermutlich werden die PR-Floskeln „schonungslos“ und „düster“ fallen. Und es mag sein, dass ich an diesem Hype jetzt schon nicht ganz unschuldig bin.

Oder es passiert einfach gar nichts, und der Film geht unter im Sommerloch, das vom Ende der Fußball-WM gerissen wird – wer weiß das schon? Ziemlicher sicher lässt sich aber vorhersagen, dass den Rezensenten der Film gefallen wird, und mir gefiel er ja auch. Die Frage ist, wie viele sich (so wie Nino Klingler) die Mühe machen werden, hinter die Schonungslosigkeit und Düsternis zu schauen, wie viele sich nicht besoffen machen lassen von der – reichlich oberflächlichen – Begeisterung, dass Sang-ho Yeon im Modus des klassischen, zweidimensionalen Zeichentrick sich ein ernsthaftes Themas aus der Lebenswelt gequälter und quälender Jugendlicher verhandelt.

Dabei geht es eigentlich nur sekundär darum, dass ein Stoff in eine angeblich neue Form gepackt würde. Ganz abgesehen davon, dass die Form den Stoff im Film ohnehin stets selbst mitgeprägt, erzählt Sang-ho Yeon eben nicht so realistisch, wie sein Sujet es suggeriert. Er bringt vielmehr die Überzeichnungen des Cartoons, in Bild und Erzählung, in Einklang mit einem Handlungsmilieu, das wir uns als lebensechtes vorstellen. Vielleicht hilft die Katze, diese Beobachtung besser zu verstehen.

Es geht um zwei Pennäler, ganz unten in der Hackordnung ihrer Schule, denen ein dritter beibringen will, sich zu wehren. Sie drei seien die Schweine, die Diener der Reichen, er wird mit seinem Mut ihr König, und zwischen Erinnerungen an den „Herrn der Fliegen“ und an „Animal Farm“ bleibt wenig Hoffnung, diese Geschichte könne gut ausgehen. Einer der ersten Akte der Gegenwalt, eine Initiation, ist das Abstechen einer Katze, gezeigt aus erleichternder Distanz in der Totalen, gleichzeitig unangenehm nah gebracht durch das Kreischen des sterbenden Tieres.

 

THE KING OF PIGS | Trailer OmdU from Drop-Out Cinema on Vimeo.

 

Die Katze wird wiederkehren, in den Träumen und Halluzinationen (nicht nur) eines der Buben, eine sprechende, blutüberströmte Allegorie der eigenen Schuld und in einer paradoxen Wendung auch der Angst vor der eigenen Courage. Aus dem Schatten tritt die tote Katze, ein wenig erschreckend für uns Zuschauer, aber auch nicht mehr als das. Während es zahlreiche gegenläufige Strategien der Inszenierung, abgeschaut vom Realfilm, durchaus gibt in „The King of Pigs“, so hat die zweidimensionale Gezeichnetheit doch stets davon abgehalten, die filmische Illusion mit der außerfilmischen Wirklichkeit zu versöhnen. Die „suspension of disbelief“ ist eine relative im immer schon fantastischen Kosmos der Animation.

Die gestalterischen Möglichkeiten zur Überhöhung der empirischen Wirklichkeit zur essenziellen Wahrheit, die sich Sang-ho Yeon mit dem Animationsfilm bieten, sind ausgesprochen zahlreich. Gleichzeitig nimmt die Tradition des Cartoons, des Grellen, Überspitzten, die der Regisseur weder abschütteln kann noch möchte, seinen emotionalen Spitzen ein wenig die Wucht. Sujet und Form, Alltag und bildende Kunst, erhöhen einander in diesem Film und stecken einander gleichzeitig neue Grenzen.

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