Zu wenig ausgearbeitet, um ein Essay zu sein und viel zu sehr interessiert an Kleinigkeiten, um als Kritik durchzugehen: Treibgut ist das, was an einem so hängen bleibt, wenn man im Bilderstrom badet.

Ein großes, großes Unbehagen machte sich breit in mir, als ich auf der Berlinale „Zeit der Kannibalen“ sah. Und das nicht, weil der Film, dem ja in seiner Abstraktion durchaus etwas Thesenhaftes innewohnt, schwach oder offensichtlich falsch vom Falschen erzählt hätte. Es war vielmehr die Vermutung, dass die Kritik, die da am Agieren sogenannter transnationaler Konzerne geübt wird, bald in etwas Regressives umschlagen würde. Es war nie vollkommen präsent, es deutete sich eher an: in der Art und Weise, wie da das angeblich wahre, nie beschriebene Leben in Stellung gebracht wurde gegen das falsche, un-authentische, heimatlose. In der Karikatur des Managers aus, natürlich, Amerika. Ich sah einen Film, den ich mögen wollte und im Rückblick auch gelobt habe, der mir aber doch gewaltig unheimlich blieb. Und dann las ich diese Antwort des Regisseurs in einem Interview mit dem „Filmdienst“, und ich wusste, dass ich mich nicht geirrt hatte.

„Der militante Islam ist eine Reaktion auf die Globalisierung. Offensichtlich sind ein paar Leute mit der Rollenverteilung, die wir in der Welt vorgenommen haben, nicht einverstanden und versuchen, an ihr zu rütteln. Das ist ihr gutes Recht. […]“

[SPOILER AB HIER] Insgesamt ist das Werk dann doch klüger und vielschichtiger als sein Regisseur, weil es diese plumpe Schlussfolgerung zumindest nicht so laut in die Welt blökt wie er. Es gibt aber eine Konsequenz, die zum einen aus der stringenten Einnahme einer klaustrophobischen Innenperspektive erwächst und zum anderen aus der Fokussierung auf drei Figuren, die uns in diesem distanzlosen Raum einfach näherkommen müssen, auch wenn wir sie (vielleicht gerade dafür) lieber hassen wollen. Die Außenwelt jedenfalls, die böse, die mit dem „guten Recht“, bricht gewaltvoll in den Mikrokosmos des Hotels ein. Die Kamera verliert jede Orientierung, sie kippt und zittert, wie aus der Balance gebracht von dem Bersten vor der Tür, das näher kommt und immer näher, während die Businessleute ihre Miniwelt panisch einschrumpfen sehen, wumm, schon wieder ein Schlag, jetzt hinters Bett, wumm, hinter die Ecke, wumm, das war’s.

 

 

Die letzten paar Minuten von „Zeit der Kannibalen“ werfen Analyse und Ästhetik über Bord. Es ist eine so wirkungsvolle erzählerische Umkehr, ein so glatter Bruch: Man bemerkt erst jetzt, dass man hinein gelockt wurde in eine abgeschottete Welt, dass man zu ihr gehört, was man doch nie wollte, und dass man mit ihr umkommen wird. Selten habe ich einen so spannenden, obwohl in jeder Hinsicht ausweglosen, Showdown gesehen.